Die Uhr läuft mit


Die Uhr läuft mit

Montagmorgen. Der Handywecker reißt mich unsanft aus merkwürdigen Träumen. Während der beste Ehemann von allen Kaffee kocht springen mich auf Twitter die Montagmorgenblues-Tweets an und ich frage mich zum 36. Mal in diesem Jahr, was das soll. Müssen wir uns Woche um Woche gegenseitig runterziehen mit diesem „Es ist Montag, schon wieder ein Wochenende vorbei, ich mag nicht aufstehen“-Quatsch? Ich schließe Twitter und werfe mich in die bereitliegenden Lauf-Klamotten. Der Hund führt einen Freudentanz auf, weil ich eine der „Rausgeh-Hosen“ anziehe. Es gibt nämlich doofe Hosen (Anzughosen, wer die anzieht lässt den Hund den ganzen Tag allein und geht garantiert nicht in den Wald), neutrale Hosen (vor allem Jeans, sind waldtauglich, es kann aber auch sein, dass Frauchen damit über Stunden in ihrem Büro verschwindet, dann ist sie aber wenigstens da und man kann in ihrer Nähe ein Schläfchen auf dem Bürosofa halten) und Rausgeh-Hosen (Lauf- und Outdoorhosen, damit geht es in den Wald, an den Rhein oder mit sehr viel Glück sogar zum Rettungshundetraining).

Ich trinke Wasser, esse eine halbe Banane, mache ein paar Dehnübungen, werfe dem Hund das Halsband über. Habe ich alles? Schlüssel, Handy, Taschentücher, Pupsbeutel für den Hund? Ich nehme noch den Küchenmüll mit und starte auf dem Weg zu den Mülltonnen die Laufapp auf meiner Uhr.

Das Wetter ist perfekt. 15 Grad, leichter Wind, es riecht nach Herbst. Gestern hat es geschüttet, wenn es später warm wird wird es bestimmt wieder schwül, aber jetzt ist es toll. Die Spielstraße ist leer, die Schulkinder müssen erst in einer halben Stunde los, die Vögel zwitschern. Ich laufe.

Nach 200 Metern kommt der Pupsbeutel zum Einsatz und ich mache innerlich einen Freundhopser – der einzige Mülleimer auf dem nächsten Kilometer steht hinter dem nächsten Busch und erspart mir die Begleitung durch den kleinen Stinker. Ich finde noch eine Einwurfstelle in den wieder mal überfüllten Mülleimer und ärgere mich nur wenig, dass meine kluge Uhr die Beutel-Verzögerung aufzeichnet und mir den Schnitt vermiest. Kurz überlege ich, ob ich die Aufzeichnung beende und neu starte, bin ja quasi noch vor der Haustür, habe aber keine Lust auf die App-Frage: Oh, das war kurz, möchtest Du die Aufzeichnung löschen?“ Wer programmiert sowas? Findet der das lustig? Gehen Programmierer eigentlich laufen?

Ich laufe weiter und versuche mich an größeren Schritten, um den Schnitt wieder zu verbessern. Es geht leicht bergauf und ich freue mich, inzwischen ohne Schnauferei und mit geradezu federnden Schritten laufen zu können.

In den Feldern lasse ich den Hund laufen und genieße den Blick auf das Siebengebirge. Kurz, bevor es in den Wald geht, schiebt sich von rechts eine langsame Läuferin mit zwei Hunden (einer davon groß und schwarz) an langen Schleppleinen in unseren Weg. Ich nehme meinen Hund an die kurze Leine, wir nähern uns der Läuferin von hinten, überholen grüßend, alles prima. Ich leine meinen Hund im Lauf wieder ab und bin froh, diese Begegnung mit einem unbekannten Hundehalter ohne Zeitverlust hinter mich gebracht zu haben. Unbekannte Hundehalter sind mir suspekt. Derweil fällt meinem Hund auf, dass hinter ihm ein großer, schwarzer Hund angerannt kommt. Mein Hund fängt an zu winseln, offensichtlich hat er Angst. Ich leine ihn also an, lasse ihn am Straßenrand neben mir absitzen und warte, dass die Läuferin mit ihren Hunden überholt. „Hat der etwa Angst?“ Sie hat immerhin die Körpersprache und Lautgebung meines Hundes richtig gedeutet. „Das ist aber albern, die tun doch nichts.“ Spricht’s, läuft weiter und schert sich einen Dreck, dass ihre Dertutnixe an ihren 15 Meter-Leinen meinen Hund belästigen. Ich schreie nicht gern, ich schreie vor allem nicht gern Tiere an, aber ich muss den Dertutnixen leider verbal und körperlich klar machen, dass sie meinen Hund nicht bedrängen werden. Klappt. Die Hunde sind lieb und wären einfach zu erziehen, müsste die Hundehalterin nur wollen.

Die Läuferin ist jetzt für mich zur Trulla degradiert worden und die Trulla läuft zum Glück den asphaltierten Weg weiter, sodass ich den von mir bevorzugten Trampelpfad einschlagen kann. Mein wieder abgeleinter Hund läuft mit vor Freude hüpfenden Ohren vorweg. Ich frage mich, wie viele Minuten mich die Aktion jetzt doch gekostet hat und schaue auf die Uhr.

Mist. Die Uhr ist nicht mitgelaufen. Ich habe die App gestartet, dann den Küchenmüll in die Tonne geworfen und danach vergessen, die „Aktivität“ zu starten. Ich bleibe stehen. Ich fühle mich hilflos. Wenn die Uhr nicht gelaufen ist, bin ich es dann? War ich überhaupt unterwegs? War das jetzt noch eine Lauf- oder nur eine Hunderunde? Lohnt es sich noch, die Aktivität jetzt zu starten? Ich ärgere mich. Über mich. Über meine Vergesslichkeit. Ich denke daran, wie man bei kleinen Kindern testet, ob sie wohl schulreif sind. Man gibt ihnen auf, einige Dinge in einer festgelegten Reihenfolge zu tun. Küchenmüll mitnehmen, App starten, Müll einwerfen, Aktivität starten, loslaufen. Nicht geschafft. Ich bin noch nicht schulfähig. Ich denke kurz daran, bei der NSA um ein Profil meines Laufes zu bitten. Die müssen die Daten doch haben, auch wenn die App nicht mitlief?

Meine Gedanken gleiten jetzt in die nächste Ebene (ich bin mir nicht sicher, ob sie aufsteigen oder absinken) und nun ärgere ich mich, dass ich mir überhaupt Gedanken wegen dieser dummen App mache. Natürlich bin ich gelaufen, der Schweiß auf meiner Stirn stimmt mir zu, und natürlich weiß ich auch morgen noch, dass ich gelaufen bin, ohne meine Uhr und ihre App dazu befragen zu müssen. Der Puls dürfte im normalen Bereich gelegen haben, mein Tempo war durchschnittlich und wenn ich wirklich wissen will, wie weit ich gelaufen bin, kann ich den Weg später auf gmap nachmessen. Also so what?

Ich laufe weiter und merke, wie meine Schritte ruhiger werden. Wenn die Uhr nicht mitläuft, ist es egal, ob ich ein ganz klein wenig langsamer laufe. Meine Atmung beruhigt sich, mein Puls sicherlich auch, obwohl ich das gar nicht aufzeichnen lasse. Der Waldboden federt unter meinen Füßen, die kühle Luft riecht nach Herbst. Die Vögel zwitschern. Ich laufe.

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