Freundschaft


Freundschaft

Gerade habe ich einen sehr schönen Abend verlebt. Ich war in dieser großen Stadt, die ich sehr mag, die aber viel zu selten auf meinem Weg liegt, wo auch immer er mich gerade hinführt. Manchmal liegt sie fernab, manchmal dicht dran, manchmal fahre ich sogar durch sie hindurch, ohne Zeit und Ruhe, anzuhalten. Doch jetzt war es endlich mal wieder soweit. Und der wichtigste Grund, in dieser Stadt anzuhalten, auszusteigen, Rast zu machen und zur Ruhe zu kommen, bist Du.

Wir haben uns schon wieder seit Jahren nicht gesehen. Es hat nie gepasst. Mal waren es die Termine, dann war jemand krank, irgendwie steckte der Wurm drin. Aber weißt Du was? Es macht nichts. Und es hat auch nichts gemacht. Wir pflegen nicht diese Art von Freundschaft, in der man sich regelmäßig treffen muss für Mädelsabende oder verlängerte Wochenenden. Das wären nicht wir und da hätten wir, mit Verlaub gesagt, auch keine Zeit für. Obwohl es durchaus etwas Verlockendes hätte, tagsüber mit Dir am Strand entlang zu galoppieren und abends im Wellnessbereich eines schicken Hotels abzuhängen, bevor wir uns am nächsten Morgen zu einem üppigen Frühstück treffen würden. Verlockend – ja, Zeit – nein. Aber auch das macht nichts. Unsere gemeinsamen Ausritte liegen weit über zwanzig Jahre zurück. So lange kennen wir uns. Und damit kennst Du mich so lange wie nur wenige andere Menschen. Und Du kennst mich so gut wie kaum ein anderer.

Wir haben uns im Stall kennengelernt, haben gemeinsam Sattelzeug geputzt und Theorie fürs Reitabzeichen gepaukt. Haben gelacht und gelästert, uns miteinander gefreut und im Winter miteinander gefroren. Als noch niemand über Natural Horsemanship sprach haben wir schon die Reiter verteufelt, die nur sonntags kamen, dann aber ihre Pferde mit Sporen wund ritten. Wir haben über Jungs gesprochen und erst viel später über Männer. Heute schreibe ich über unsere Vergangenheit, damals dachten wir nur an die Zukunft. Es war eine tolle Zeit, aber sie war nicht lang.

Ich habe erst Jahre später erfahren und verstanden, warum unsere Freundschaft fast zerbrochen wäre. Ich bin dankbar, dass sie nie komplett verschwunden ist. Jeder hat ja irgendwie sein Scherflein zu tragen, aber zu uns war das Leben wirklich nicht immer nett. Und es ist halt nicht so, dass Freundschaften Freud und Leid, Höhen und Tiefen überstehen, ohne sich zu verändern. Unsere Freundschaft hat die ganze Bandbreite mitgemacht. Sie sah nicht nur Beziehungsglück und Liebeskummer, Hochzeiten und Scheidungen, nein, sie sah die ganze verdammte Bandbreite des Lebens und Sterbens. Und sie sah, was das mit uns gemacht hat.

Wir sind daran gewachsen, jede für sich. Die Pferdemädchen sind zu starken Frauen gereift und wir können stolz auf uns sein. Gut, wir sind vor unserem 40. Geburtstag keinen Marathon gelaufen, aber mal ehrlich? Wir hatten Besseres zu tun! Wir haben unsere Kraft weitaus wichtigeren Dingen gewidmet. Und was sind schon 42,195 km, verglichen mit den Wegen, die wir gegangen sind?

Mit etwas über 30 sah ich Sex and the city – den Film und war neidisch auf Carrie, die mit ihren Freundinnen zumeist Party machte, Selfies schoss und Cocktails trank. Gott, war ich dämlich. Gut, ich beneide Carrie noch immer für ihre Kolumne, aber wer braucht schon Selfies und Cocktails?

Was wir brauchen ist die Gewissheit, dass da eine Frau ist, die wir mitten in der Nacht anrufen könnten, wenn es hart auf hart käme. Die Gewissheit, dass jemand unsere Gefühle versteht, weil er sie auch schon einmal gefühlt hat. Gemeinsame Wurzeln in Stall und Pott sind da dennoch hilfreich 😉

Ich habe diesen Artikel übrigens schon gestern geschrieben. In Vorfreude auf das Wiedersehen, in der Gewissheit, dass mich dieser Abend fröhlich und glücklich machen würde. Und mit dem Gedanken, dass ich danach nicht auf Facebook posten wollen würde: „Ich hatte einen tollen Pizzaabend mit X in Y.“ Weil das nämlich unter unserem Niveau wäre. Und weil ich Dich nicht auf Facebook markieren muss, um Dir zu sagen, wie froh ich bin, Dich zur Freundin zu haben. Danke für endlose Telefonate, danke für aufwühlende Gespräche, danke für Deine Freundschaft!

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